"Ah! wenn ich einen mehr in Euch / Gefunden hätte, dem es g'nügt ein Mensch / Zu heißen!" - Lessings Aufruf zu Toleranz und Frieden unter den Weltreligionen im Stück "Nathan der Weise" bleibt auch 240 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch aktuell

Was heißt es heute noch "Mensch" zu sein?

Ist man nur dann "Mensch", wenn man sich einer bestimmten Rolle (z. B. einer Interessensgruppe) bzw. einem Status (heute z. B.  auch eigene Darstellung in sozialen Medien: Facebook-Status, Whatsapp-Status usw.) oder einer bestimmten Religion (Judentum, Christentum, Islam etc.) zuordnen kann? Dies hat und hätte Lessing als Schriftsteller und Ideengeber der Aufklärung (ca. 1720-1800) strikt verneint.

Auf der Suche nach dem allumfassenden "Menschsein" entwickelt Lessing seinen "weisen Nathan" in einer Zeit, die noch stark geprägt war von Ausschluss und Krieg (Konfessionalisierungszeitalter und 30-jähriger Krieg) und gleichzeitig zur Modernisierung der Ordnungen in Gesellschaft und Staat drängte - auch durch große Revolutionen.

Wohl auch deshalb verortet Lessing die Handlung seines Stücks in einer Region (Jerusalem) und in einer Zeit (Mittelalter / 12. Jahrhundert), in der genau diese unmenschlichen Grausamkeiten, nämlich religiöser Ausschluss und Krieg (Kreuzzüge), an der Tagesordnung waren (und bis heute leider sind).

Inmitten dieser Welt lässt Lessing den jüdischen Kaufmann Nathan zur Versöhnung der Weltreligionen, zu Religionsfreiheit, zu Toleranz und zur Humanität aufrufen. Damit lässt er Nathan an das Menschenbild der Aufklärung appellieren, aber auch an jeden Zuschauer des Stücks bis heute.

Ist nicht unser 21. Jahrhundert, der postmoderne digitalisierte Mensch, wieder von Inhumanität und Intoleranz bedroht? Führt nicht ein Menschsein in einer Zeit, die geprägt wird durch Wohlstand und Zeitmangel, durch Events und Lustlosigkeit, durch Achtsamkeits- und Entschleunigungsdiskussionen und LHC-Teilchenbeschleuniger, durch Flucht/Vertreibung und selbst ernannte Glaubenskrieger,  durch Mindestlohndebatten und Milliardäre, durch Filterblase und Echokammer, Omnipräsenz und Isolation und vieles mehr, nicht schon wieder dazu, dass Lessings Appell an die Humanität und Toleranz aktueller denn je ist?

Vielleicht mögen diese Fragen auch der Ausgangspunkt der Überlegungen des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums gewesen sein, als es Lessings Stück zur momentanen Pflichtlektüre in der Q1 des Berufichen Gymnasiums  (Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung) festlegte.

Im Rahmen dieser Aktualitätsbezüge und der Lektüre-Bindung im Deutschunterricht kam auch Frau E. Plate zusammen mit ihrem Diffenzierungskurs, dem Literaturkurs der gynmasialen Oberstufe (Jahrgänge 12 und 13), auf die Idee, das Stück auf die Bühne zu bringen.

In zwei Aufführungen in den vergangenen Tagen konnten die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Interpretation des Dramas und ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen. Dabei sammelten alle Beteiligten die Erfahrungen, was es heißt, unmittelbar (ohne mediale "Verklärung") in die Aufmerksamkeit der Zuschauer (Eltern, Freunde, Mitschülerinnen und Mitschüler etc.) zu treten und  alle Schwierigkeiten, die eine solche Aufführung an den "Teamgeist" und an jeden einzelnen stellt, zu überwinden - was ihnen sehr gut gelang. In den tragenden Rollen spielten dabei: Marcel Karau (Tempelherr), Sophia Rüskamp (Recha), Annika Dartmann (Daja), Lina Thimm (Sittah), Andres Böcker (Sultan Saladin), Doreen Elster und Tabea Mertens (Nathan), Alexander Austrup (Patriarchen), Sandro Evertz (Al Hafi der Derwisch), Max Schmidt (Jesuit) und Christian Lepper (Klosterbruder).

Vielen Dank an die dramaturgische Leitung, Frau Plate, und an den gesamten Literaturkurs für die tollen Aufführungen und den damit verbundenen erneuerten Appell an die Humanität und Toleranz in unserer Zeit.

Um einige Impressionen zur Aufführung zu sehen, klicken Sie bitte auf diesen Link