Staunen und verstehen – Pädagogische Arbeit in Zwolle und Lüdinghausen

Teil I: Äpfel und Birnen – Exkursion in Zwolle

Durch die regelmäßige Begleitung von angehenden Erzieher*innen aus dem jeweiligen Nachbarland kam bei den betroffenen Praxisanleiterinnen in Lüdinghausen und Zwolle der Wunsch auf, selbst mehr über die vorschulische pädagogische Arbeit in den Niederlanden bzw. in Nordrhein-Westfalen zu erfahren.

Gesagt, getan: zwei Kolleginnen vom RvW-BK und vom Deltion College planten und organisierten einen Austausch, gefördert vom Interreg-Programm Lernen ohne Grenzen*:

Teil I: Exkursion in Zwolle im Mai 2019

Teil II: Exkursion in Lüdinghausen im November 2019

Fünf Erzieherinnen – Frau Büchler von der ev. Kindertagesstätte und Familienzentrum Erlengrund in Senden, Frau Küching und Frau Richter-Kortenbusch vom Ev. Stephanus-Kindergarten sowie Frau Scholz und Frau Schnabel von der DRK-Kindertagesstätte „Im Rott“ in Lüdinghausen – machten sich zusammen mit Marlen Heimann und Nina Wilhelmi, Lehrerinnen des Berufskollegs, am Dienstag, 21. Mai 2019 auf den Weg nach Zwolle.

Unsere erste Station war ein IKC (Integraal Kind Centrum), von denen es in den Niederlanden eine zunehmende Anzahl gibt. Das IKC vereint verschiedene Formen der vor- und nachschulischen Kinderbetreuung (etwa Kita, OGS) und die Grundschule unter einem Dach.

Newsflash: Es gibt verschiedene Formen von vorschulischer Kinderbetreuung in den Niederlanden. Neben der OGS (vor und nach der Schule) und Tagesmüttern (in den Niederlanden gastouders, also Gasteltern, genannt) gibt es peuterspeelzalen (Kinderkrippe, für Kinder von 2,5 bis 4 Jahren) und – die weitverbreitetste Form: kinderdagverblijven (Kindertagesstätten für Kinder von 0;4 bis 4 Jahren).

Im IKC De IJsselhof gibt es sowohl einen peuterspeelzaal als auch zwei Gruppen kinderdagverblijf, eine OGS, die die Kinder eine Stunde lang vor Schulstart besuchen können und nach der Schule bis ca. 18 Uhr, sowie die Grundschule.

Newsflash: Kitas in den Niederlanden stehen Kindern von 4 Monaten bis 4 Jahren offen. Sobald ein Kind 4 Jahre alt wird, wechselt es in die erste Gruppe der Grundschule, also im laufenden Schuljahr. Die Grundschule besteht aus insgesamt 8 Gruppen, d.h. mit 12 Jahren wechseln die Kinder zur weiterführenden Schule.

Durch die Zusammenarbeit von Kolleg*innen aus allen Systemen  sorgt das IKC für einen reibungslosen Übergang für die Kinder, obwohl es Eltern natürlich freigestellt bleibt, ihr Kind an einer anderen, z.B. christlichen Grundschule anzumelden.

Nachmittags besuchten wir zwei Kindertagesstätten (kinderdagverblijven), die beide, wie das IKC auch, Einrichtungen des Dachverbandes doomijn sind.

Newsflash: Peuterspeelzalen werden staatlich subsidiert, kinderdagverblijven nicht: doomijn ist ein caritativ arbeitendes Unternehmen, das verschiedene caritative Einrichtungen unterhält und dessen Kindertagesstätten komplett von den Einnahmen der Eltern finanziert werden müssen.

Anschließend fand ein Austausch mit den Erzieherinnen dieser Einrichtungen, ihrer Verbundleitung Andrea Spijkerman sowie zwei Kolleginnen des Deltion College, Elly Noorbergen und Trijnie Strijk, statt. Die Erklärungen der Niederländerinnen bzgl. finanzieller, organisatorischer, gesetzlicher und pädagogischer Rahmenbedingungen ermöglichte es den deutschen Gästen, ihre Eindrücke entsprechend einzuordnen.

Neben den o.g. Aspekten noch weitere Beispiele:

„So viele kleine Babies!“

Newsflash: In den Niederlanden gibt es kein Elterngeld. Frauen beginnen also nach dem gesetzlichen 16wöchigen Mutterschutz meist wieder zu arbeiten. Beide Eltern hätten allerdings die Möglichkeit, für maximal 26 Wochen unbezahlte Elternzeit zu nehmen oder diese so zu verteilen, dass sie Teilzeit arbeiten können. Zurzeit rühmen sich die Politiker dafür, dass Väter 5 Tage bezahlten Urlaub bekommen bei der Geburt eines Kindes, über die Ausweitung auf 10 Tage wird nachgedacht.

„Jeden Tag sind andere Kinder in der Kita?“

„Die meisten Kinder sind maximal an drei Tagen in der Kita.“

Newsflash: Eltern bezahlen die komplette Zeit, die ihre Kinder in der Kita verbringen (ca. 7-8€ pro Stunde). Sie bekommen einen Teil über die Steuer erstattet, jedoch nur den Teil, der sich mit der eigenen Arbeitszeit überschneidet. Alle weiteren Betreuungszeiten übernehmen die Eltern komplett selber. Teilzeitarbeit ist in den Niederlanden weit verbreitet, auch bei Männern.

„In zwei Kitas wurde dasselbe Thema behandelt.“

Newsflash: Der Dachverband gibt vor, dass die Kitas ihre pädagogische Arbeit anhand eines Curriculums (methode genannt) ausrichten. Bei strenger Auslegung wird ein Thema 4 Wochen lang behandelt, nach einer Woche beginnt ein neues Thema. Allerdings können Kitas von der starren Auslegung abweichen, indem sie das Curriculum als groben Wegweiser verstehen und ansonsten nach dem Situationsansatz vorgehen.

Am Ende waren sich alle einig, dass man das niederländische System der vorschulischen Kinderbetreuung nicht mit dem in NRW vergleichen kann, weil die Ausgangs- und Arbeitsbedingungen so unterschiedlich sind. Einigung bestand auch darin, dass es dennoch viele Bereiche gibt, in denen man voneinander lernen kann und die in die eigene Arbeit einfließen können, z.B. die in den Niederlanden weit verbreiteten Schlafplätze draußen, flexible Betreuungszeiten oder die Kommunikation mit den Eltern über eigene Apps des jeweiligen Dachverbandes.

Alle Beteiligten freuen sich bereits auf die Fortsetzung des Austausches, der an zwei Tagen im November in Lüdinghausen stattfinden wird. Daran werden neben den o.g. Einrichtungen auch der St. Dionysius Kindergarten in Seppenrade und der St. Monika Kindergarten in Lüdinghausen beteiligt sein.